Bücher für den Sommer zuhause

Viele von uns werden diesen Sommer wohl keine Ferien im Ausland, am Meer oder sonstwo verbringen können. Nichtsdestotrotz stehen uns hoffentlich ruhige Zeiten bevor. Für Lesestoff ist gesorgt!

Die Schule am Meer
Dieser Roman handelt von einem reformpädagoischen Internat, das in den 1920er und 30er-Jahren auf Juist existierte. Sandra Lüpkes ist die Autorin und hat ausgiebige Recherchen zu den historischen Begebenheiten und realen Personen der Schule betrieben. Im Mittelpunkt von „Die Schule am Meer“ steht Anni Reiner, die mit ihrem Mann und befreundeten Lehrern eine Schule gründet. Da sind die Schüler und Schülerinnen, Maximilian, der aus Südamerika stammt und Heimweh hat. Da ist Kea, die Haushälterin und ihr Patenkind Marje. Die Schule bietet all diesen Menschen eine Chance, die Insel ein Zuhause. Die Einheimischen der Insel nennen die Schule einen „Hort für Kommunisten und Juden“. Als die politische Lage sich in Deutschland zuspitzt, droht alles, was die Gemeinschaft aufgebaut hat, auseinanderzubrechen.

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Wiedersehen in der kleinen Inselbuchhandlung
Die Bücher von Janne Mommsen lesen sich wie eine Wanderung an der Nordsee. Sie treffen direkt ins Herz und man wünscht sich einfach nur ans Meer. „Wiedersehen in der kleinen Inselbuchhandlung“ handelt vom Krimiautor Hauke, der auf der kleinen Nordseeeinsel aufgewachsen ist. Mit seinen Freunden Wiebke, Kai und Nicole verbrachte er dort eine unbeschwerte Kindheit. Mit der Matura zeichnet sich das Ende der Clique ab.
Zwanzig Jahre später kehrt Hauke zu einer Lesung nach Hause zurück. In der kleinen Inselbuchhandlung von Greta Wohlert will er seinen neuesten Krimi vorstellen. Er staunt nicht schlecht, als er unter den Zuhörern seine drei Freunde von damals erkennt. Aus Wiebke ist eine wunderschöne Frau geworden…

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Macht das glücklich, oder kann das weg?
Wem alle Dramatik für den Moment zuviel ist, dem empfehle ich den Roman von Ulrike Schäfer. „Macht das glücklich, oder kann das weg?“ handelt von der Hamburger Modelegende Ella Castello, die zurück in ihre alte Heimat Rom ziehen will. Ihre Villa an der Alster ist voll von Vintagekleidern, von denen sie sich nun trennen soll. Sie sucht Hilfe bei Merle, der Aufräumberaterin. Die alte Dame staunt über die disziplinierte junge Frau, bei der immer alles nach Plan zu laufen scheint. Doch Merles Leben ist chaotisch, besonders was die Liebe betrifft.

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kreativ schreiben lernen

Vielleicht hast du dir in den langen Wochen des Shutdowns überlegt, was du dir an Kreativität in dein Leben holen könntest. Aber vielleicht ist dir beim ständigen Zuhausebleiben die Lust auf alles vergangen.

Gerne stelle ich zwei Bücher vor, die mich seit langem begleiten und die ich jedem und jeder ans Herz lege, die sich vertieft mit kreativem Schreiben auseinandersetzen mag.

Da ist das „Lehrbuch des kreativen Schreibens“ von Lutz von Werder. Man könnte sagen, das ist die Bibel des kreativen Schreibens, denn in diesem Buch findet sich alles, was man wissen und sich aneignen sollte sowie unglaublich viele Ideen für Schreibexperimente. Von Werder hat sein Lehrbuch in zwei Teile geteilt.

Der erste Teil behandelt „das poetische Feld“. Er erklärt die Geschichte des kreativen Schreibens, psychologische Aspekte des Schreibens, Schreibblockaden und zeigt schliesslich verschiedenste Techniken und Methoden auf. Wahrlich eine Schatzkiste!

Im zweiten Teil geht es um die Praxis der Poesiepädagogik. Er geht hierbei besonders auf die Aspekte der Poesiegruppenpädaogik ein, zeigt auch hier Phasen, Krisen und Chancen auf.

Dieses Buch las ich mit sehr viel Interesse, fasste immer wieder neue Ideen auf und fühlte mich nach der Lektüre inspiriert und beschenkt. Es eignet sich nicht nur für Interessen ohne jegliche Vorbildung, sondern für Schreibende aller Richtungen, Schreibgruppenmitglieder, Ausbildende und Studentinnen und Studenten.

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Das zweite Buch ist von Gabriele L. Rico (1937-2013). Sie war eine US-amerikanische Dozentin für Anglistik und Kunstpädagogik. „Garantiert schreiben lernen“ ist sozusagen der Klassiker des creative writing. Erschienen ist das Manuskript ursprünglich 1983 unter dem Titel „Writing the Natural Way, Using Right-Brain Techniques to Release your Expressive Powers“ als Dissertation.

Mein Exemplar habe ich den 90er Jahren in einem Brockenhaus gefunden, 2004 erschien die letzte Auflage im Rowohlt Verlag. Zum Glück finden sich pdf-Versionen dieses Titels noch irgendwo im Netz…

„Garantiert schreiben lernen“ ist ein etwas irreführender Titel, aber wohl dem deutschen Marketinggedanken zuzuschreiben, wenn man bedenkt, dass man nach der Lektüre nicht „garantiert“ schreiben gelernt hat.

Rico führt die Leserin, bzw. die Autorin ins Clustering ein. Diese kreative Methode ist heute aus Schreibkursen oder Ideenfindung nicht mehr wegzudenken. Phasenweise liest sich „Garantiert schreiben lernen“ etwas mühsam und beinahe langweilig. Ricos Impulse, ihre Erklärungen sind aber interessant und besonders für Pädagogen hilfreich.

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Vom Tagebuch schreiben

Vor über zwei Jahren schrieb ich von meiner besten Freundin, meinem Tagebuch. Noch immer ist mein Tagebuch mein ständiger Begleiter, ganz gleich ob abends zuhause, in den Ferien oder in Zeiten, wo alles auf dem Kopf steht.

Ich bevorzuge Notizbücher ohne Linien. Das trainiert das eigene Schriftbild, zudem mag ich es beim schreibenden Denken nicht, wenn ich einer Vorgabe folgen soll. Ich mag Stifte, mit denen ich schnell und leicht schreiben kann.

Wenn ich mich mit anderen übers (Tagebuch) schreiben unterhalte, stelle ich oftmals fest, dass gewisse Hemmungen bestehen. „Wie soll ich bloss anfangen?“ oder „Wie halte ich das durch?“ sind nicht seltene Fragen.

Vor einigen Jahren stiess ich auf das Buch „Schreiben von Tag zu Tag“ von Lutz von Werder und Barbara Schulte-Steinicke. Die Autoren zeigen in ihrem Werk auf, wie das Tagebuch die persönliche Entwicklung fördert und wie das Schreiben als kreativer Prozess funktioniert.

Nun, ich muss gestehen, dass ich die einzelnen Anleitungen des Buches nicht einzeln durchgespielt habe. Aber ich bemerkte beim Durchlesen, dass mich beispielsweise das Kapitel „Schreibanreize durch Fragen“ sehr inspiriert hat und ich tatsächlich einzelne Fragen so spannend fand, dass ich sie in meinem Tagebuch schreibend beantwortete.

Der zweite Punkt, der mich beim Lesen ansprach, waren die Übungen zum literarischen Schreiben im Tagebuch. Für die Dauer von 68 Tagen liefern die Autoren Material für die Selbstvertiefung und bieten Hand für die kreative Weiterentwicklung des Tagebuchschreibers.

Die Autoren beschreiben schliesslich auch die Chancen, Krisen und Störungen im Tagebuchschreiben, die ich selber aus eigener Erfahrung kenne. Nun, das Tagebuch schreiben gleicht vielleicht ein wenig dem Krafttraining, täglichen Spaziergängen oder gar Yoga-Übungen. Man macht sie bewusst, sie gehören zum Alltag und bieten Sicherheit und Glück.

Mir gefällt eines der Zitate im Buch besonders. Es stammt von Gottfried Keller: „Diese Selbständigkeit kann nur bewahrt werden durch stetes Nachdenken über sich selbst, und das geschieht am besten durch ein Tagebuch.“

Vielleicht ist es das, was mir seit über 30 Jahren so gut am denkenden Schreiben gefällt.

Lutz von Werder, Barbara Schulte-Steinicke
Schreiben von Tag zu Tag – Wie das Tagebuch zum kreativen Begleiter wird
Walter Verlag, 2010
ISBN 978-3-530-50623-5

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Richard Roper: Das Beste kommt noch

Andrew Smith ist Nachlassverwalter in London. Sein Job ist nicht ganz ohne. Immer wenn jemand allein zuhause verstirbt, muss er in dessen Wohnung nach Hinweisen auf Verwandte suchen. Zum Glück hat er eine harmonische Familie zuhause, denken seine Arbeitskollegen. Aber leider stimmt das nicht.

Er lebt in einer Ein-Zimmer-Wohnung, beschäftigt sich mit seiner Modelleisenbahn, Chatforen und seinen Schallplatten. Doch dann tritt Peggy in sein Leben und kein Stein bleibt auf dem anderen. Andrew leidet unter seiner Einsamkeit, doch schafft er es auch nur schwer, auf Peggy zuzugehen. Er ist ein Grübler und hadert mit seinem Leben und seinen unsensiblen Kollegen. Und dann ist da noch die Sache mit seiner Frau Diane und den beiden Kindern, eine Geschichte, die er seinem Chef erzählt hat, um seriöser zu wirken…

Ich gebs zu: Ich brauchte lange, in diese Geschichte reinzukommen, auch wenn sie gut geschrieben und sehr unterhaltsam ist. Das lag aber wahrscheinlich mehr daran, dass ich in den letzten paar Wochen Mühe hatte, längere Zeit zu lesen. Alles in allem hat sich die Lektüre von „Das Beste kommt noch“ gelohnt. Der Roman handelt von den wichtigen Dingen im Leben: Liebe, Freundschaft und dem Umgang mit ungelebter Trauer. Der Protagonist wirkt anfangs grau und unscheinbar, gewinnt aber im Laufe der Geschichte immer mehr Tiefe und Sympathie. Der Leser leidet förmlich mit, wenn Andrew von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen tappt. Das Ende hinterlässt einen versöhnt.

Richard Ropers erster Roman schlug in der Originalsprache ein wie eine Bombe. Die nationalen und internationalen Verlage rissen sich um die Veröffentlichungsrechte und so erscheint „Das Beste kommt noch“ in 19 Ländern. Jetzt arbeitet er an seinem zweiten Roman.

Richard Roper: Das Beste kommt noch
Wunderlich März 2020
ISBN 978-3-8052-0044-8

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Elif Shafak: Die vierzig Geheimnisse der Liebe

Auf das Buch „Die vierzig Geheimnisse der Liebe“ der türkischen Schriftstellerin Elif Shafak bin ich auf dem Flug von Zürich nach Paris gestossen. Wir reisten im Frühling nach Paris und ich freute mich riesig, diese wunderbare Stadt wiederzusehen. Im Sitz neben uns sass eine junge, wunderschöne Frau, die dieses Buch wahrlich verschlang. Beim Schreiben dieser Zeilen bemerke ich gerade, wie sehr mir Paris im Frühling fehlt.

Kaum war ich wieder in der Schweiz kaufte ich mir diesen Titel und verstand.
Der Roman handelt auf zwei verschiedenen Ebenen. Da ist Ella, Mutter von drei Kindern, ist verheiratet. Sie arbeitet als Gutachterin für eine Literaturagentur vertieft an einem Roman über den Sufi-Dichter Rumi und seine vierzig geheimnisvollen Regeln der Liebe. Sie lernt den Verfasser des Buches, Aziz Zahara und erfährt durch diese Begegnung eine tiefe persönliche Veränderung. Sie findet mit einem Mal einen Weg zu sich selber und damit zu wahrer Liebe.

Auf der zweiten Ebene erleben wir die Geschichte von Rumi, die im 13. Jahrhundert spielt. Dieser Teil des Romans ist magisch. Man taucht mit der Autorin ab und findet sich mit einem Mal wieder in der Welt Rumis wieder.

Mich hat dieser Roman von der ersten Seite an gepackt. Elif Shafak schafft es, wunderbare kraftvolle Bilder mit ihren Worten zu erschaffen. Wenn ich jetzt wieder in diesem Roman blättere, kann ich nur schwer widerstehen, ihn erneut zu lesen, mich atemlos und verzaubert in der Handlung zu vertiefen und am Ende bitterlich zu weinen.

Elif Shafak: Die vierzig Geheimnisse der Liebe
Kein & Aber Pocket 6. Auflage 2015
ISBN 978-3-0369-5912-2

Ich sehe deine Tränen von Jorgos Canacakis

Vor einigen Tagen habe ich an einer Challenge auf Twitter mitgemacht, in der es darum ging, seine/ihre Lieblingsbücher ohne Kommentar zu zeigen.

Als Büchermensch gibt es da jede Menge Bücher (und auch Zeitungen und Zeitschriften), die ich liebe und gerne lese. Eine Auswahl zu treffen kommt mir oftmals wie eine Art Verrat vor. Ich erinnere mich gut an jene Tage vor über fünf Jahren, als wir umzogen und alle meine Bücher bereits in Kisten verpackt waren: es war, ungelogen, die schrecklichste Zeit meines Lebens.

Natürlich war es sehr schlimm, als meine Mutter oder meine Omi verstarb, aber da hatte ich immer ein tröstendes Buch zur Seite.

Nachdem meine Mutter 2007 verstorben war, erlebte ich eine sehr lange Phase tiefer Trauer. Ich hatte das Gefühl, dass ich mich von ihrem Tod, der für mich sehr einschneidend gewesen war, nur langsam erholte. In jener Zeit las ich sehr viele Bücher übers Trauern. Da gab es welche, deren Lektüre mich ein wenig trösteten, andere waren derart schräg, dass ich sie sofort entsorgte. Auf meiner Suche nach einem Ausweg aus der Trauer stiess ich schliesslich auf „Ich sehe deine Tränen“ von Jorgos Canacakis.

Die Begegnung mit diesem Buch war, wie soll ich sagen, eine Offenbarung für mich. Bis ich damit anfing zu lesen, hatte ich mich, bewusst und unbewusst, unter Druck gesetzt, weil ich „schnell“ trauern wollte. Man hatte mir auch in meinem damaligen Umfeld zu verstehen gegeben, dass ich nach über einem halben Jahr Trauer mal bitte wieder „normal“ sein dürfte.

Nun, Jorgos Canacakis sagt es schon im Dialog mit dem Buch am Anfang: „Der Wandel der Zeit braucht Umwandlung“. Der Autor wendet sich auf den ersten Seiten per Du an den Leser, die Leserin und schafft so eine vertrauliche Situation: Das Buch als enger Begleiter in einer schwierigen Situation.

Nun, ich begann in „Ich sehe deine Tränen“ zu lesen und verstand mich mit einem Mal besser. Mir wurde bewusst, dass ich nie mehr so wie „vorher“ sein würde und schon gar nicht „normal“. Ich akzeptierte, dass der Tod meiner Mutter mich unwiederbringlich verändert hatte. Ich erkannte so viele Momente in meinem Leben, wo ich nicht geweint hatte, nicht weinen durfte oder konnte. Das machte mich zuerst nur noch trauriger. Doch dann verstand ich, dass der Tod meiner Mutter und meine schwere Trauer auch ein Geschenk war. Ich erlaubte mir nun, in aller Heftigkeit, traurig zu sein und mich nicht auch noch dafür zu schämen.

Jorgos Canacakis verbindet in seinem Buch seine eigenen. persönlichen Erfahrungen mit Berichten über Trauerrituale und der Erklärung seines eigenen „Lebens- und Trauerumwandlungsmodell“ (LTUM©). Er beschreibt verschiedenste Lebensumstände und zeigt anschaulich auf, wie und warum ungelebte, unterdrückte Trauer einen Menschen krank machen kann.

Dieses Buch empfehle ich gerne all jenen Menschen, die sich nach einem Trauerfall oder einer Phase tiefer Trauer mit ihren Gefühlen auseinandersetzen wollen. Ich empfinde „Ich sehe deine Tränen“ als grosses Geschenk.

Leider ist das Buch nur noch im Buchantiquariat erhältlich.

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Wolfsodyssee von Peter A. Dettling

In Zeiten, wo wir uns alle (wieder) nach Freiheit und Natur sehnen, kommt das Buch „Wolfsodyssee – Eine Reise in das verborgene Reich der Wölfe“ von Peter A. Dettling, erschienen vor wenigen Tagen im Werd & Weber Verlag, genau richtig. Gemeinsam mit dem Bündner Autor und Naturfotografen machen wir uns auf die Suche nach dem Wolf. Peter A. Dettling fotografiert, schreibt und forscht seit vielen Jahren über Wölfe.

„Wolfsodyssee“ ist ein intimer Reisebegleiter in die geheimnisvolle Welt dieser faszinierenden Tiere. Dettling berichtet über seine Erlebnisse in der Surselva, im Calanda-Massiv, in Kanada und den USA. Er liefert wunderbare Aufnahmen und weiss mit seinen (auto-)biografischen Texten die Leserinnen und Leser für Canis Lupus, den Wolf zu begeistern. Der Autor wählt poetische Übertitel für seine jeweiligen Kapitel. Gleich einem Wegweiser begleitet Peter A. Dettling die Leserin auf ihrer eigenen Reise auf den Spuren eines unserer ältesten Verbündeten. Er dokumentiert die Geschichte des Wolfs in den Alpen. Mehr als einmal steigen einem beim Lesen die Tränen in die Augen, weil man die Liebe, die tiefe Verbundenheit des Autors in seinen Zeilen und in seiner Bildsprache spürt.

Nach der Lektüre dieses lesenswerten Buchs sieht die Welt wohl für viele – etwas – anders aus und man sehnt sich danach, endlich wieder durch die Welt wandern und reisen zu können.

Vor einigen Jahren, ich schrieb für thurgaukultur.ch über den Werd-Titel „Tödlicher Schatten„, stiess ich auf den wunderbaren Werd & Weber Verlag. Ich freu mich immer wieder auf die neuesten Veröffentlichungen, insbesondere auf die hochwertigen Natur- und Wanderbücher. Was die Bücher dieses Verlags aus Thun insbesondere auszeichnet, ist die hohe Qualität, aber auch deren breite Positionierung. Ist „Wolfsodyssee“ ein eher jagdkritisches Buch, haben die Berner Oberländer mit „Jagd und Wildtiere im Kanton Bern“ ein sehr informatives, jagdfreundliches Buch verlegt. Ich bin gespannt auf weitere Titel!

Peter A. Dettling
Wolfsodyssee – Eine Reise in das verborgene Reich der Wölfe
Werd & Weber Verlag 2020
ISBN 978-3-03922-011-3

Kästner fürs Leben

Im Rahmen der Aktion #dasliterarischesolo von thurgaukultur.ch durfte ich aus meinem Lieblingsbuch „Das fliegende Klassenzimmer“ eine Passage vorlesen.

„Das fliegende Klassenzimmer“ von Erich Kästner ist eines meiner Lieblingsbücher. Ich besitze ein recht mitgenommenes Exemplar der 65. Auflage, erschienen im Atrium Verlag Zürich, welches mich seit den 80er Jahren durch mein Leben begleitet. Tatsächlich empfinde ich dieses Buch als Lebensgefährten und grossen Trost, als Kind und erst recht jetzt als Erwachsene.

Kästner verfasste eine Weihnachtsgeschichte, deren Protagonisten Schüler sind. Da ist Johnny Trotz, der von seinen Eltern im Stich gelassen und mit einem Ozeandampfer von New York nach Hamburg reist. Später wird er einmal Dichter werden, aber in der Romanhandlung weiss das natürlich noch keiner. Da ist Matthias „Matz“ Selbmann, der immer Hunger hat und einmal Boxer werden wird. Da ist auch Uli von Simmern, ein kleiner blonder Junge, der im Laufe dieses Romans alle sehr erstaunen wird. Martin Thaler, Primus und Bühnenmaler in einer Person, der immer wütend wird, wenn wer ungerecht ist. Und dann ist da noch der schrecklich gescheite Sebastian Frank, quasi der Nerd der Romanhandlung, der Gelehrter werden und herauskriegen will, was in den Atomen drin ist.

Die Schüler proben ihr selbstverfasstes Theaterstück „Das fliegende Klassenzimmer“. Kästner lässt uns an den wunderbaren Dialogen teilhaben: „Der Unterricht wird zum Lokaltermin“ ist einer der Sätze, die jedenfalls mir im Gedächtnis bleiben.

Doch Erich Kästner verleiht nicht nur den Jugendlichen Leben. Dr. Justus „der Gerechte“ Bökh und der Nichtraucher, ein Mann, der richtig viel raucht, in einem Etablissement Klavier spielt und der in einem ausrangierten Eisenbahnwaggon lebt, sind die positiven Erwachsenenfiguren in diesem Schulroman und man bekommt sie wirklich lieb, weil sie tiefgründig und gut sind.

Legendär ist die Schlacht zwischen den beiden „Pennen“, zwischen den Primanern des Johann-Sigismund-Gymnasiums und den Realschülern einer anderen Schule. Matthias und der legendäre Heinrich Wawerka treten gegeneinander an, geben sich so richtig eins auf die Nase. Matthias gewinnt den Kampf, aber die Realschüler brechen ihr Wort. Der Nichtraucher, der den Zweikampf empfohlen und mitverfolgt hat, sagt sinngerecht: „Solche Strolche gibt es unter den Jungens von heute? … So etwas ist natürlich nur unter anständigen Menschen möglich.“

„Das fliegende Klassenzimmer“ ist aber nicht nur ein Buch über die Kindheit, das Erwachsenwerden, Freundschaften, die andauern und die Einsamkeit, sondern auch übers Schreiben. Kästners Kapitelzusammenfassungen, wie beispielsweise“Die erste Abteilung des Vorwortes“ sind ein wunderbares Beispiel, wie man aus Gedanken eine Geschichte formt, wie aus kurzen, prägnanten Sätzen Bilder werden. Er beschreibt, wie schwierig es ist, im heissesten Hochsommer eine Weihnachtsgeschichte zu schreiben und reist kurzerhand – mit dem guten Rat seiner Mutter- nach Oberbayern, auf die Zugspitze. Er benamst die Lebewesen um sich, Gottfried wird das grosse Pfauenauge getauft, Eduard das braune, bildhübsche Kalb, das es später einmal werden wird.

In der „zweiten Abteilung des Vorwortes“ holt Kästner dann zu einem weiteren Schlag aus. Er regt sich auf, während er ein Kinderbuch liest, das er von dessen Verfasser zugeschickt bekam. „Jener Herr will den Kindern, die sein Buch lesen, doch tatsächlich weismachen, dass sie ununterbrochen lustig sind und vor lauter Glück nicht wissen, was sie anfangen sollen! Der unaufrichtige Herr tut, als ob die KIndheit aus prima Kuchenteig gebacken sei.“

Diese Sätze habe ich als Kind geliebt, weil ich spürte, dass hier einer ist, der seine eigene Kindheit wohl nicht vergessen hat. Er beschreibt essentielle Trauer, dass es nämlich gleichgültig ist, ob man wegen einer kaputten Puppe weint oder weil man einen Freund verliert.
Er schreibt auch „Mut ohne Klugheit ist Unfug; und Klugheit ohne Mut ist Quatsch!“ Der Fortschritt der Menschheit entsteht erst, wenn die Mutigen klug und die Klugen mutig geworden sind. Wie recht er doch damit hat.

Kästner verwendet in seinem Buch jeweils zusammengefasste Handlungen des folgenden Kapitels, die dann doch ganz anders sind, als erwartet. Er schrieb dieses Buch 1933 und auch fast neunzig Jahre später erwähnt es Grundthemen der Gesellschaft: Den Wunsch nach Anerkennung, das Verlassenwerden durch die Eltern und die Scham durch Armut.

Ich liebe dieses Buch sehr und lege es jedem ans Herzen, dem die eigene Kindheit nicht einerlei ist.

Erich Kästner: Das fliegende Klassenzimmer
Dressler Verlag
ISBN: 978-3-7915-3015-4

Helen Russell: Reise zum Glück

Helen Russell arbeitet als Skandinavien-Korrespondentin für den Guardian in Dänemark und schreibt eine Kolumne für den Telegraph sowie Beiträge für andere Zeitungen. Mit „Reise zum Glück“ legt sie ein feines Buch vor, das Lust macht, andere Länder und Sitten neu zu entdecken.

Erschienen ist es im Dezember 2019, als die Welt so wie wir sie kennen, noch total ruhig und harmonisch war – mal abgesehen von Waldbränden, Kriegen, Gewalttaten und Menschen, die im Mittelmeer ertrinken. Aber vielleicht macht nun die Lektüre von „Reise zum Glück – Glücksformeln aus aller Welt“ etwas mehr Sinn, wenn man zuhause bleiben und sich – zur Abwechslung – mal nur mit sich selber auseinandersetzen muss oder kann.

Die Autorin schreibt in ihrer Einleitung: „..Und wir Menschen neigen dazu, negativen Ereignissen mehr Aufmerksamkeit zu schenken als positiven – und vergessen sie auch weniger schnell. […] Deshalb sollten wir bewusst daran arbeiten, das Positive zu sehen und hoffnungsfroh zu bleiben – nur so können wir etwas verbessern.“

In alphabetischer Reihenfolge reisen wir mit Helen Russell einmal um die Welt. Der geneigte Leser lernt die verschiedensten „Glücksformeln“ der jeweiligen Länder kennen. Nicht besonders erstaunt war ich über die Formel, die für Deutschland stehen soll: Gemütlichkeit. Meine Güte, habe ich mir gedacht.

Doch dann überrascht die Autorin mit einer heiteren Reflektion über „deutsche“ Werte (Bildung, ordentlich Arbeiten und Kartoffelsalat), Redewendungen und einigen Häppchen Luther. Wir erfahren auch so nebenbei, dass sich „die Deutschen“ sich nicht von „der ach so hygge Kerzenscheinromantik“ blenden lassen wie ihre dänischen Nachbarn. Glücklicherweise hat Russell noch eine Anleitung zur Gemütlichkeit verfasst und „wie man auf deutsche Art glücklich wird.“ Sie verweist aufs Kekse backen, auf Nietzsche und das Feierabendbier. Nun denn…

Auf Seite 238 folgt sodann der Exkurs über die Schweiz. Nun könnte man aufwerfen, „immer süüferli“ wäre ein tolles Schlagwort für dieses Buch geworden, denn es sagt wirklich viel darüber aus, wie man als Schweizerin oder Schweizer sozialisiert wird. Doch weit gefehlt. Die Autorin benamst die Glücksformel der Schweizer mit „Federismus“.

Nun sind wir natürlich alle total stolz auf Roger Federer, den grössten Schweizer Sportler aller Zeiten, den grössten Grand-Slam-Tennischampion aller Zeiten und überhaupt.
Federer ist toll, keine Frage. Aber ich sehe wenig Berührungspunkte mit ihm, mal abgesehen von der Tatsache, dass er ein Mensch ist. Zumindest hoffe ich, dass er ein Mensch ist.

In der Anleitung, wie „Federismus“ ein Teil unseres Lebens wird, nennt sie dann auch wirklich wichtige Punkte wie gut werden in etwas, aber nicht damit protzen, sich vorbereiten auf alle Eventualitäten (Corona-Krise ahoi) und den Moment leben. Meine Güte, zum zweiten Mal.

Angetan hat es mir „Reise zum Glück“ aus einem Grund: Ich liebe die Illustrationen von Naomi Wilkinson. Sie ziehen sich als roter Faden durch das Buch, machen Spass und sind einfach schön anzusehen. Das Buch ist perfekt gemacht für den Aufenthalt auf dem stillen Örtchen oder wenn man mal wieder, vielleicht gerade jetzt, von fremden Ländern und deren Bewohner und Kulturen träumt.

Helen Russel: Reise zum Glück
Kindler Januar 2020
ISBN 978-3-463-40716-6

Dein Inneres zeigt dir den Weg

„Dein Inneres zeigt dir den Weg“ ist ein Buch der Dresdnerin Ursula Ines Keil. Sie ist ausgebildete psychotherapeutische Heilpraktikerin und seit 15 Jahren in ihrer eigenen Praxis tätig.

Mit ihrem Ratgeber geht sie darauf ein, dass viele Mitmenschen auf ihre drängenden Lebensfragen keine zufriedenstellenden Antworten mehr erhalten und sich eher erschöpft als glücklich fühlen.Die Autorin erklärt anhand von Praxisbeispielen, wie man (wieder) lernen kann, auf die innere Stimme, auf sich selber zu hören.

Im ersten Teil vermittelt sie den Leserinnen und Lesern, was die innere Stimme ist und wie sie kommuniziert. Dabei macht sie darauf aufmerksam, dass die innere Stimme neben dem analytischen Denken oftmals vergessen geht und wir uns selbst auf einen „Körper mit Intellekt“ reduzieren. Wenn diese Stimme überhört wird, entstehen Krankheiten und Probleme. Sobald man sich aber mit sich selber (wieder) beschäftigt, verändert sich die Situation von neuem. Keil zeigt dabei auf, dass ursprüngliche Symptome sich mit einem Mal verstärken können, dies als Zeichen dafür, dass einem innerlich etwas fehlt. So rät Frau Keil, sich über die eigenen Empfindungen und Wahrnehmungen Notizen zu machen, um seine eigene Sprache, das eigene Vokubular zur Hand zu haben.

„Ist unsere innere Stimme wirklich verstummt?“

Beim Lesen dieses Kapitel musste ich natürlich unweigerlich an „diese schweren Zeiten“ denken, in denen wir grad drin stecken. Ist unsere „innere Stimme“ wirklich verstummt, oder meldet sie sich gerade lauthals bei uns allen, die ängstlich sind, sich fürchten oder Klopapier hamstern?

In einem weiteren Kapitel erklärt sie die Gesetzmässigkeiten der inneren Welt, wie das Polaritätsprinzip funktioniert und was innere Widerstände für die persönliche Entwicklung bedeuten (können): Innere Widerstände entstehen durch die unbewusste Entscheidung gegen die eigenen inneren Anteile. Frau Keil hat dazu (k)eine einfache Lösung bereit: Sag ja zu dir selbst. Na, wenn das mal so einfach wäre.

Der dritte Teil handelt davon, wie man einen Zugang zur inneren Stimme bekommt. Auch hier leitet Ursula Ines Keil die Leserin mit einfachen Fragen an, die sie für sich in Ruhe beantworten kann, um sich klar zu werden, wie sie dem Ziel, den Zugang zur inneren Stimme zu finden, näher kommt.

Mir gefiel bei der Lektüre dieses Buches die einfache, klare und wertschätzende Sprache der Autorin. Man liest heraus, wie viel Erfahrung sie hat und wie sehr ihr ihre Mitmenschen am Herzen liegen.
Ihr Ratgeber macht es einem leicht, sich auf diese Reise zu sich selber einzulassen. In den letzten Tagen lag ihr Buch darum oft auf meinem Nachttisch. Ich mag die kurzen Kapitel, das Layout und die darin verwendete Typografie, auch wenn ich zwischendurch dachte: Weniger ist mehr. Einmal mehr hielt ich ein feines Buch aus der Dielus Edition in Händen, deren Buchprogramm mir doch sehr gefällt.

„Dein Inneres zeigt dir den Weg“ ist nicht nur ein Ratgeber, sondern ein Lebensbegleiter für jene Tage, wo man sich wirklich mit sich selber befassen will oder aber muss. Die Lektüre dieses Buchs ersetzt keinen Psychotherapeuten, gibt aber vielleicht Impulse, wo der Leidensdruck vielleicht zu hoch ist oder aber man sich selber verändern will.

Ursula Ines Keil: Dein Inneres zeigt dir den Weg
Dielus Edition 2020
ISBN: 978-3-9820125-7-5