Tagebücher lesen – eine Liebeserklärung an den intimen Gedanken

Seit über 30 Jahren schreibe ich Tagebuch und wenn ich manchmal zurückblättere, entdecke ich Sätze von mir, die ich nicht kannte. Ich bin oft erstaunt, wie ich die Welt als KInd wahrnahm, bin gerührt über meine Gedanken. An Weihnachten 1989, kurz nach dem Fall der Berliner Mauer, fand ich einen Eintrag, den meine Mutter in mein Tagebuch geschrieben hat. Wir unterschrieben beide, dass sie 2009 lesen dürfte, was ich mit 12 geschrieben hatte. Dazu kam es nicht mehr, weil sie 2007 verstarb.

So wuchs ich mit der Idee auf, dass das Tagebuch eine derart intime Angelegenheit ist, die keinen anderen etwas angeht, weil es gegebenfalls sehr peinlich sein könnte, es zu lesen. Niemandem sollte man sein Tagebuch zeigen, geschweige denn öffentlich zugeben, dass man selber eines führt. Viele Jahre später entdeckte ich, dass dieser Grundsatz gerade in der Welt der Literatur nicht in Stein gemeisselt ist. Ich stelle euch hier einige „Tagebücher in Buchform“ vor.

Da ist „Tagebücher 1982-2001“ von Fritz J. Raddatz. Raddatz (1931-2015) war ein deutscher Feuilletonist, Romancier und Essayist, Seine Tagebucheinträge lesen sich wie das Who is Who der deutschen Literaturszene, schmerzhaft ehrlich, kritisch und wunderbar geschrieben. Das Buch hat über 900 Seiten und ein Personenverzeichnis (!). Ich liebe dieses Buch!

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Dann ist da das zweibändige „Denktagebuch 1950 – 1973“ von Hannah Arendt, welches mir von meiner Freundin Sandra ans Herz gelegt wurde. Hannah Arendt (1903 -1975) war eine deutsch-amerikanische Philosophin und Publizistin.

Sie führte dieses Denktagebuch auf Deutsch, es finden sich darin aber zahlreiche Zitate in Englisch, Französisch, Latein. Um sich diesem Werk zu stellen, braucht es Geduld und Interesse an ihrer Gedankenwelt. Für mich ist „Denktagebuch“ wie eine Insel, die ich immer wieder lesend besuche, nachdenke und danach für mich schreibend weiterdenke.

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Martin Walsers „Lesen und Schreiben – Tagebücher 1963 -1973) habe ich in einer Buchhandlung in Heidelberg im Ausverkauf entdeckt – und konnte nicht widerstehen. Martin Walser (*1927) ist ein deutscher Schriftsteller. Wie ich selber wuchs auch er am Bodensee auf. An seinen Tagebüchern schätze ich die sprachliche Eleganz, seine sorgfältig gewählten Worte und die Möglichkeit, so weit zurück in sein Schriftstellerleben blicken zu dürfen.

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Und dann wären da noch die „Tagebücher 1935 – 1951“ des französischen Schriftstellers und Nobelpreis-Trägers Albert Camus (1913 – 1960). Ich entdeckte in diesem Buch viele für mich wichtige Sätze und Aussagen, gerade auch über Literatur.

„Schreiben heisst sich distanzieren. Eine gewisse Entsagung in der Kunst. Neu schreiben. Die Anstrengung, die immer einen Gewinn bringt, welcher Art er auch sei. Eine Frage der Trägheit bei jenen, denen es nicht gelingt.“ (Mai 1937, Seite 39)

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Vor einigen Monaten stiess ich auf die Tagebücher von Peter Sloterdijk (*1947). Er ist Philosoph, Autor und Kulturwissenschaftler. Sein Tagebuch „Zeilen und Tage – Notizen 2008 – 2011“ hat mich neugierig gemacht, weil Sloterdijk im Vorwort schreibt: „Weitere Editionen von Notizbüchern sind nicht vorgesehen.“

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Neue Zeilen und Tage – Notizen 2011 – 2013“ kam 2018 raus. Es lohnt sich wohl eben doch, seine Gedanken in Buchform unter die Leserschaft zu bringen. Er spricht mir insofern aus dem Herzen als er schreibt: „Ich führe kein Tagebuch, ich mache Notizen, täglich oder nicht. Ich misstraue den Autoren von Tagebüchern, sobald sie ihre inneren und äusseren Zustände in ganzen Sätze darstellen, als ob ihnen nie der Zweifel an der Abbildungstauglichkeit von Sätzen begegnet wäre. Ich habe noch nie etwas erlebt, was wirklich einem ganzen Satz entsprach.“

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Ich freue mich über weitere Tagebuch-Tipps von euch in den Kommentaren!

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Ein Gedanke zu “Tagebücher lesen – eine Liebeserklärung an den intimen Gedanken

  1. Da spricht Sloterdijk mir ebenfalls aus dem Herzen. Mir fällt leider gerade kein Tagebuch ein, das ich empfehlen könnte.
    (Wir bloggen. Manche von uns täglich oder wöchentlich. Das ist ja oft auch eine Art Tagebuch oder zumindest Tagebuchnotizen.)

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