Helen MacDonald: H wie Habicht

Nun lese ich seit gefühlt einem Jahr endlich mal wieder ein Buch. Das tut gut und fühlt sich genau so gut an wie früher.

„H wie Habicht“ von Helen Macdonald ist ein Buch, das ich seit ca 2015 in meinem Bücherregal stehen, mich aber bisher nie heran gewagt habe. Das hat seine Gründe. Der Roman handelt davon, wie die Autorin schon als Kind beschliesst, Falknerin zu werden. Ihr Vater unterstützt sie in diesem Wunsch, bleibt eine wichtige Bezugsperson, auch als sie älter wird. Dann stirbt er plötzlich. Helen beschliesst in dieser Phase, ihren eigenen Habicht zu fliegen. Sie trifft auf Mabel, das Habichtweibchen und stellt sich ihren persönlichen Dämonen – und ihrer Trauer. Was sie über den Tod ihres Vaters und ihre langsam aufsteigende Trauer über diesen grossen Verlust schreibt, ist etwas vom berührendsten, was ich je zu diesem Thema gelesen habe.

Immer tiefer taucht die Lesende mit Helen in die Arbeit und die Beziehung mit Mabel ein. Man empfindet mit einem Mal die Angst der Falknerin mit, ihren Habicht zu verlieren. Die Müdigkeit. Die Scham, wenn Helen sich selber für unfähig hält, den Habicht zu halten. Das tiefe Glück, wenn Mabel nach einem Flug auf ihrer Faust landet.

Helen vertieft sich total in die Arbeit mit Mabel, wahrscheinlich auch vordergründig eine Flucht, um der Trauer um ihren Vater zu entkommen und sich den Menschen zu entziehen. Doch das klappt nicht. Helen identifiziert sich immer mehr mit Mabel, dem wilden Tier und versinkt in dieser Welt, in der es nur noch den Habicht, sie und die Beute zu geben scheint.

Immer wieder musste ich beim Lesen innehalten, weil die Autorin Sätze schrieb, die mir durch Mark und Bein gingen. Wenn sie beschreibt, wie sie erfährt, dass ihr Vater verstorben ist. Wie sie glaubt, wahnsinnig zu werden.
Sie ordnet ihre Trauer in die Jahreszeit und die Jagd mit Mabel auf Beutetiere ein. Wir gehen, nein, laufen mit Helen über Wiesen, schlagen uns durch Hecken durch. Schauen atemlos zu, wie Mabel Fasane und Kaninchen schlägt. Fühlen mit, wenn Helen denkt, sie habe ihre Mabel für immer verloren. Die Menschen in Helens Leben verblassen. Erst an der Trauerfeier für ihren Vater bemerkt sie, wie sehr sie diese braucht, gerade um den Tod des Vaters verarbeiten zu können.

Helen Macdonald ist eine wunderbare Autorin. Sie schreibt so, dass man sich sofort in ihrer Welt zurecht findet. Doch noch sehr viel mehr spürt man beim Lesen, dass sie ein unglaubliches Wissen über die Natur, ihre Zusammenhänge und – die Literatur besitzt. Vor einigen Jahren las ich „F wie Falke„, ihr Buch über die Geschichte dieser wunderbaren Greifvögel. Ich glaube, von allen zeitgenössischen Autorinnen ist sie diejenige, mit der ich gerne mal zusammensitzen und ihr einfach zuhören möchte.

Helen MacDonald: H wie Habicht
Allegria bei Ullstein, 3. Auflage 2015
ISBN 978-3-7934-2298-3

Buchcover H wie Habicht von Helen MacDonald

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